Städte

Kairo

Anzeige
Video

Nur vom Flugzeug aus wird die Dimension dieser Megalopolis deutlich: Wie ein riesiger Teppich liegt die größte Stadt Afrikas ausgestreckt in der Sahara, ausgefranst an den Rändern, geflickt und ausgebessert in der Mitte, ein gigantisches Patchworkmuster der Zivilisation. Endlos ziehen sich die Wohnviertel bis zum Horizont, aufgelockert von Moscheen, Minaretten und Magistralen, gleichmäßig von einem sandfarbenen Schleier bedeckt. In der Mitte zerschneidet der Nil die Betonlandschaft, eine von Wolkenkratzern gesäumte Lebensader, ohne die Kairo inmitten der Wüste nicht existieren würde.

Im Norden, auf der Ostseite des Nils, wurde vor über 6000 Jahren die Gründung der Siedlung On sorgfältig registriert – inklusive der Sternenkonstellation an jenem Tag, aus der Astronomen ein Datum verifizieren konnten: den 19. Juli 4241 v. Chr. Es stellt das erste wirkliche Kalenderblatt in der Menschheitsgeschichte dar. 35 km südlich davon, auf der Westseite des Nils und 1200 Jahre später, entstand Memphis, die Hauptstadt des ersten geeinten und damals bereits ungewöhnlich hoch entwickelten Pharaonenreichs. Dazwischen wuchs über die Jahrtausende eine Metropole heran, in der heute mindestens 17 Mio. Menschen leben.

Kairo wirkt wie ein Staubsauger: Jeder vierte Ägypter wohnt bereits in der Hauptstadt, und täglich kommen mehr, Zehntausende jeden Monat, die meisten von ihnen aus der Provinz. Sie lassen sich in den Shantytowns am Stadtrand nieder oder auf den Friedhöfen und Dächern der Stadt. Über 170 Armenviertel existieren in und um Kairo.

Die Stadt, behaupten Zyniker, sei vor allem Schall und Rauch. Ein ununterbrochenes Lärmkonzert erreicht fast jeden Winkel, gespielt auf Instrumenten wie Autohupen, plärrenden Fernsehern und den Lautsprechern an 1000 Minaretten und an einer noch größeren Anzahl von Laden- und Kellermoscheen, aus denen sich fünfmal am Tag der Gebetsruf wie ein geheimnisvoller Kanon über die Viertel legt. Eine Dunstglocke aus Auto- und Fabrikabgasen bedroht die Substanz jahrhundertealter Bauwerke, angereichert durch den fein zermahlenen Schlemmsand aus dem Niltal, der erbarmungslos durch jede noch so kleine Ritze dringt. Garküchen, Handwerksbuden und Kassettenkioske nehmen die Bürgersteige in Beschlag, durch die Straßen und Gassen quält sich der Verkehr. Kaum ein Meter dieses eng besiedelten Großraums bleibt ungenutzt. Nichts wird in dieser Stadt preisgegeben, es sei denn dem Verfall.

Aber Kairo besitzt einen Reichtum, für den man Monate bräuchte, um ihn zu entdecken und voll auszukosten. Einige der bedeutsamsten und schönsten Moscheen des Islam kann man hier sehen, 1000 Jahre alte Kirchen, das weltberühmte Altstadtviertel Khan El-Khalili – und natürlich die Pyramiden von Giza. Kein Ort in der arabischen Welt hat mehr Restaurants, Bars und Kaffeehäuser. Kaum sonst irgendwo treffen die Gegensätze einer Welt am Beginn des neuen Jahrtausends so unvermittelt aufeinander wie hier.

Glitzernde Shopping Malls stehen neben bunten arabischen Märkten. Auf dem Bordstein bietet ein Bauer aus Oberägypten im traditionellen weiten Männerkleid geröstete Maiskolben an, auf der anderen Straßenseite steht ein Riesenbildschirm, auf dem ununterbrochen Werbeclips dudeln. Während die einen Fladenbrot billig am staubigen Straßenrand von fliegenden Händlern kaufen, diniert die Upperclass französisch im 41. Stock des Grand Hyatt Hotels am Nil, in einem rotierenden Restaurant.

Al-Qahira, die Siegreiche, heißt Kairo auf Arabisch. In den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht wird sie auch Umm Al-Dunia genannt, die Mutter der Welt. In den letzten Jahren ist ein neuer Spitzname hinzugekommen: Big Mango, in Anlehnung an Big Apple für New York. Wie eine reife, oft überreife Frucht bietet die Metropole Genüsse und Eindrücke für jedes Sinnesorgan.

Die Nacht sollten Sie bei Ihrem Kairobesuch auf jeden Fall mit einplanen: zum Bummeln, Einkaufen und Ausgehen. Die Stadt beginnt den Tag nach Einbruch der Dunkelheit ein zweites Mal. Geschäftsviertel und Shopping Malls sind bis kurz vor Mitternacht belebt, Kaffeehäuser, die Nilpromenaden und die Gartencafés ebenfalls. Der Tag kann ganz den Sehenswürdigkeiten gehören. Für Stadtteile wie die Islamische Altstadt oder das Koptische Viertel sollten Sie unbedingt mindestens einen halben Tag veranschlagen.

Mehr zu diesem Thema lesen